In dieser Online-Galerie finden Sie Bilder in verschiedenen Maltechniken: Aquarelle, Gouache, Pastellkreide, Kohlezeichnungen. Ferner Skulpturen aus Ton und Holz. Eine Werkschau des parkinsonkranken Künstlers Helmut Ludwig aus Suhl.

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 Sittenstrolch

 

 

 

 

 

 

... Der Sittenstrolch ...

Mann, das war knapp!

Ich hatte in Nürnberg, von einem Seminar im Schwarzwald kommend, das beinahe Unmögliche geschafft - in einem weitgehend akinetischen Zustand - mit schwerer Reisetasche über 9 Bahnsteige hinweg, umzusteigen. Nur 7 Minuten Zeit ! Zwei überaus nett anzusehende Bahnhofshostessen, offensichtlich mit einem Herz und vor allem einem Blick für Behinderte, hatten sich meine Reisetasche geschnappt und für mich schneepflugähnlich, eine Gasse geschlagen - auf dem Bahnsteig wie auch in den dicht besetzten Waggons des ICE - bis zu meinem reservierten Sitzplatz. Meine direkten Nachbarn im offenen Abteil, zwei junge Damen - nicht mein Geschmack -unterbrachen kurz ihr blasiertes Gespräch von Parties, Aktienfonds und Fusionen, um mir ihr Missfallen ob meines Eindringens kundzutun. Vergiss sie! Mittlerweile vermischten sich die Transpirationsanteile vom Bahnsteig-Sprint und von der warmen stickigen Luft im Abteil, so dass ich die schlimmste Schwitze seit Menschengedenken mitmachte. Wissend, dass meine Haare klitschnass an mir klebten, traute ich mir nicht, mein Basecap abzunehmen. Inzwischen drohte weiteres Ungemach. Vor lauter Aufregung hatte ich den 3 Uhr Tabletten -Termin buchstäblich verschwitzt. Ich zwängte meine Hand durch die enge Jeans-Hosentasche, um nach der Lilly-Dose zu fischen. Aber durch eine Falte in der Hosentasche oder ein querliegendes Tempo wurde der Rücktransport der Hand samt Dose verhindert. Jetzt musste ich jemanden bitten, mir in die Hosentasche zu fassen. Wen könnte ich da bitten?! Die da neben mir auf der anderen Seite des Gangs sitzende Endfünfzigerin, die eine Stimmung zwischen Trauer und Hass ausstrahlte, so als ob sie gerade die Scheidung hinter sich hätte? Na die net!!
Da blieb noch die, mit einem megakurzen roten Haar ausgestattete Öko-Aktivistin mit dem verwaschenen - jetzt superengen T-Shirt (woodstockerprobt) und ihrem leicht molligen Sohnemann, dem es an nichts fehlte, was einen Kinderurlaub im Medienzeitalter verschönt: Handy, CD-Player, Mini-TV, als Clou den Polizeifunk.
Seine schrille Mutter telefonierte dauernd mit irgendwelchen Gegnern von irgendwas und las nebenbei "Sorge dich nicht, lebe!".
Also, die frage ich erst recht net, sagte ich mir. Anfangs zögernd, dann immer entschlossener, unterbreitete ich der Männerfeindin meine Bitte von der Bergungsaktion. Vorerst tat sie, als ob sie nichts verstünde, aber als mein Flehen stärker wurde, errötete sie vor Scham oder Empörung. Sie presste heraus: "Was erlauben sie sich, ich bin eine anständige Frau!" Die anderen Fahrgäste drängten sich um uns herum und Vokabeln wie: "Zugführer", "Polizei", "Parkinson"(!), "Sittenstrolch" schwirrten durch den Raum. Der von mir eingeweihte Zugbegleiter verschaffte sich mit der Trillerpfeife Gehör und klärte auf: "Alles in Ordnung, der Mann hat Parkinson und wollte nur sein Pillen, die er dringend braucht." Diese Aktion war mir inzwischen gelungen.
Etwas Lustiges passierte dann doch noch. Ich hatte beim Bahnfahren immer schon den Spleen, mich nicht festzuhalten, um großes Gleichgewichtsgefühl zu demonstrieren. Diesmal erwischte es mich. In einer Rechtskurve konnte ich der Fliehkraft nicht widerstehen und mit dem Schwung einer Windhose wurde ich an das wertvolle Tonstudio des Öko-Sohns geschleudert, der, als nichts passiert war, aus dem Wirrwarr seiner Apparate herauskrähte: "Jetzt weiß ich, was Parkinson ist!

 

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